Sehenswert – NAWI: Dear Future Me, Spielfilm von Tobi und Kevin Schmutzler

Es ist sehr zu begrüßen, dass ein Spielfilm über Früh- und Zwangsheirat in die Kinos kommt und damit eine breite Öffentlichkeit über dieses Thema aufgeklärt wird. „NAWI: Dear Future Me“ erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens in Nord-Kenia, die gegen ihre Zwangsverheiratung und für ihr Recht auf Bildung kämpft. Der Film ist in kenianisch-deutscher Zusammenarbeit entstanden, hat unter anderem den deutschen Friedenspreis „die Brücke“ gewonnen und war Kenias offizielle Einreichung für die Oscars. Im vergangenen Herbst wurde NAWI auf der Generalversammlung der UN in New York gezeigt. Zum Weltfrauentag am 8. März kommt er in deutsche Kinos.

Der Kampf gegen Kinder- und Zwangsheirat ist auch ein wichtiges Ziel des Mädchenbildungsprojektes der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft (DAFRIG) in Kamerun, das den programmatischen Titel „Selbstbestimmung durch Bildung“ trägt. Mit einem Stipendium für Mädchen und junge Frauen, die sonst keine Chance auf Bildung hätten, unterstützt die DAFRIG diese nicht nur, solange sie zur Schule gehen, sondern bis zum Ende einer Berufsausbildung oder eines Studiums. (Siehe den Projektbericht für das letzte Schuljahr auf dieser Website). Unsere Projektpartner – ein Verein bestehend aus Eltern, LehrerInnen, DorfbewohnerInnnen – begrüßen die Bildungschancen für Mädchen in der streng patriarchalen Mafa-Gesellschaft im ländlichen Gebiet Nordkameruns und loben, dass auf diese Weise eine feministische Elite gebildet wird. Bis vor wenigen Jahrzehnten, nämlich als ich im Jahr 1985 als ethnologische Feldforscherin erstmals in Guzda meine Zelte aufschlug (dies ist wörtlich zu nehmen), war in dem Projektgebiet in den nördlichen Mandara-Bergen noch keine einzige Frau alphabetisiert. Erst durch das seit 2011 bestehende Projekt der DAFRIG konnten die ersten jungen Frauen Abitur ablegen und zur Universität gehen oder einen anderen Berufsabschluss machen. Eine wichtige Funktion dieses Projektes besteht für die Projektpartner über die Bildung hinaus darin, ein Instrument in der Hand zu haben, um gegen die „traditionell“ übliche Früh- und Zwangsheirat vorzugehen. Wie auch in Kenia ist in Kamerun das gesetzliche Mindestheiratsalter 18 Jahre. Wenn ein Vater „seine“ vom Projekt begünstigte Tochter verheiraten will, um mit dem dann fälligen Brautpreis etwa einem Sohn den Brautpreis zu ermöglichen oder Schulden abzuzahlen oder wenn andere ökonomische Zwänge ihn dazu ermutigen, so stellen ihn die Vereinsmitglieder zur Rede und weisen darauf hin, dass er sich strafbar macht. So konnte schon manche Zwangsheirat verhindert werden.

In dem Film versuchen auch die staatlichen Kinderschutzbeauftragten in Kenia, durch Nawis Lehrerin auf die Gefahr für Nawi hingewiesen, über die rechtliche Situation aufzuklären. Allerdings lassen sie sich – für meine Begriffe – sehr schnell abwimmeln, als der Vater sie des Hofs verweist. Nawi muss ihre Interessen selber wahrnehmen, indem sie flieht, um in Nairobi die beste weiterführende Schule zu besuchen, für die sie sich ob ihrer exzellenten schulischen Leistungen qualifiziert hat. Nawi erreicht nach einigen Abenteuern eine Fischerinsel, wo sie sich die Überfahrt „nach Norden“ in die Freiheit verdienen muss. Doch als sie ihren Bruder trifft, der sie stets unterstützt hat, erfährt sie, dass die in ihrer Abwesenheit geborene kleine Schwester an ihrer Stelle dem von ihr verschmähten Ehemann versprochen ist. Sie lässt sich statt nach Norden, nach Süden navigieren, um zuhause ihrer Pflicht als Tochter nachzukommen. Sie ringt ihrem Vater das Versprechen ab, ihre Schwester niemals zwangszuverheiraten. Bei ihrer ersten Geburt stirbt sie, weil ihr Körper noch nicht reif für eine Geburt ist. Das „future-me“, das Nawi stets in Tagebucheintragungen vor Augen hatte, ist – so endet der Film – nicht von ihr selber, sondern von ihrer Schwester verwirklicht worden, die die Idee der selbstbestimmten Lebensgestaltung als Lehrerin verbreitet.

Ein happy end? Ich finde nicht. Ich verlasse das Kino mit der Botschaft: Was für ein tapferes Mädchen, diese Nawi, die sich für ihre Schwester und für eine (wie?) ferne Zukunft aufopfert. Mir fehlt hier eine frauenpolitische Perspektive. Nur wenn das unumgängliche (?) Opfer für eine Bewegung – Gründung von Frauengruppen, Mädcheninteressenvereinen oder ähnliches – aufgebracht wird, die dann auch gegen die patriarchale Übermacht ins Feld ziehen, kann ich eine ermutigende Botschaft für alle Mädchen erkennen. „I am one of a million!“ reflektiert Nawi wieder und wieder. Da ist, finde ich ein persönliches Opfer für eine zweite Betroffene zu wenig. Sich aufzuopfern ist schon zu lange das Frauenlos. Dass der Film die Zwangsheirat thematisiert, ist sein Verdienst. Aber welche Lösung bietet er an?

Godula Kosack

Leipzig, im Februar 2026

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