
Das zur Rede stehende Buch verdankt sein Erscheinen zwei wichtigen Zielen, die der Verfasser mit ihm verbindet. Herbert Jauch selbst ist nach seinem Lehrerstudium und seiner Teilnahme an der Solidaritätsarbeit für Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika in den 1980er Jahren in das damals noch unter südafrikanischer Kolonialverwaltung stehende spätere Namibia gekommen, um als Lehrer erst für das Jakob Marengo Tutorial Colleage und dann den Namibischen Kirchenrat zu arbeiten. Nach der Unabhängigkeit Namibias hat er seinen deutschen Pass gegen einen namibischen getauscht – ohne es jemals zu bereuen. Seit 1989 ist der Verfasser des Buches in der Gewerkschaftsbewegung Namibias aktiv und hat sich vor allem in der Weiterbildung von Gewerkschaftsaktivisten Verdienste erworben. Er war Mitbegründer der Namibia National Teachers Union und engagierte sich darüber hinaus in der Gewerkschaftsföderation National Union of Namibian Workers (NUNW), bevor er schließlich zu seiner eigentlichen Berufung als Forscher im Bereich der Arbeitsbeziehungen und als Trainer von Gewerkschaftskadern fand. Er stand an der Wiege des Labour Resource and Reseach Instituts (LaRRI), dessen Direktor er zwischen 1998 und 2010 war, und ist Gründungsmitglied des African Labour Research Networks (ALRN).
Eine persönliche Bilanz dieser mehr als 30 Jahre Engagements in und für die namibische Gewerkschaftsbewegung ist der erste Grund für die Entstehung dieses Buches. Ein zweiter ist der Umstand, dass immer mehr jener Funktionäre und Aktivisten, mit denen er drei Jahrzehnte zusammenwirkte, ebenfalls die politische Bühne verlassen; allerdings oft ohne ihre Erlebnisse, Einsichten und Erfahrungen für ihre Nachfolger zu dokumentieren. Diese Lücke will Jauch ebenfalls zu verkleinern helfen. Schließlich offenbart insbesondere der Schlussabschnitt des Buches noch eines weiteres – vom Verfasser nicht explizit als Absicht kenntlich gemachtes – Anliegen: Es geht ihm – drittens – auch um einen Ausblick, wie sich die Gewerkschaftsbewegung (um)orientieren müsste, um tatkräftig mitzuwirken an der Schaffung einer neuen, von Gleichheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen für alle geprägten Gesellschaft.
Das Buch selbst ist in vier Kapitel gegliedert, wobei die ersten beiden der Kolonialherrschaft durch die Südafrikanische Union ab 1920 und den maßgeblichen Umbrüchen im Vorfeld der Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit des heutigen Namibia am 21. März 1990 gewidmet sind. Das dritte Kapitel, das der Hauptteil des Buches bildet, befasst sich mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen im unabhängigen Namibia und insbesondere mit dem sich in dieser Zeit vollziehenden neoliberalen Politikwechsel der regierenden SWAPO (South West Africa People’s Organisation). Den Schluss bilden mehr oder weniger persönliche Überlegungen des Verfassers zur Zukunft der politischen Rolle von Gewerkschaften als Organisation der arbeitenden Bevölkerung in ihrer Gesamtheit.
Grundlegend für das Verstehen der späteren Entwicklungen ist das kolonial-kapitalistische Wirtschaftsmodell, das von den südafrikanischen Kolonialisten unter Rückgriff auf die Struktur der Kolonialwirtschaft in der Südafrikanischen Union auch in Süd-West-Afrika etabliert wurde. Im Kern handelt es sich um ein Wanderarbeitssystem, in dem die formale kolonial-kapitalistische Produktion (vor allem im Bergbau und in der kommerziellen Landwirtschaft) mit der informellen Subsistenzproduktion in den „Homelands“ (in Südafrika in den „Bantustans“) in einer Art und Weise verflochten wurde, die es erlaubte, den Lohn der Wanderarbeiter unter das Existenzminimum zu drücken. Und dies, weil ein wesentlicher Teil der Reproduktionsaufwendungen der Arbeitskraft in die subsistenzorientierte „Homeland“-Ökonomie ausgelagert wurde.
Dieses Wirtschaftsmodell gerät Anfang der 1970er Jahre zunehmend unter Druck, weil zum einen selbst die Subsistenzökonomie, in der Frauen in großem Umfang auch Arbeiten übernehmen mussten, die einst von den – jetzt als Wanderarbeiter abwesenden Männern –ausgeführt wurden. Die jetzt fehlende notwenige Arbeitskraft bedingt im Laufe der Zeit den Verfall selbst subsistenzwirtschaftlicher Strukturen. Zum anderen verlieren auch die Wanderarbeiter zunehmend die Bindung an die Homelands und beginnen sich zunehmend in illegalen, halburbanen Siedlungen niederzulassen. Diese neue Lebensweise bedingt allerdings steigende Lohneinkommen, ohne die die Reproduktion der Arbeitskraft auf die Dauer schlicht unmöglich ist. Das Pendeln zwischen den Homelands und den urbanen Zentren zeigte den Wanderarbeitern zudem die krassen sozialen Gegensätze. Das historische Ergebnis ist eine Zunahme von Streiks. In Süd-West-Afrika wird Ende Dezember 1971 schließlich ein Generalstreik ausgerufen der bis Januar 1972 andauert. Diese Ereignisse legen die Basis für das Entstehen einer modernen Gewerkschaftsbewegung, wie sie von Jauch im 2. Kapitel beschrieben wird.
Die – durch eine Vielzahl von Umständen und Hindernissen verzögerte – Herausbildung moderner Gewerkschaften fällt in Süd-West-Afrika allerdings zeitlich zusammen mit dem Ringen um die Erlangung der nationalstaatlichen Eigenständigkeit; im Rahmen der Umsetzung der UN-Resolution 435. Damit wird eine politische Positionierung der entstehenden Gewerkschaften quasi unausweichlich. Im Falle der NUWU war dies das Bekenntnis zu einer politischen Allianz mit der SWAPO. Es entstand eine spezifische Konstellation: Ohne einen SWAPO-Sieg bei den der Unabhängigwerdung unmittelbar vorausgehenden Wahlen wäre die NUNW politisch geschwächt, aber auch umgekehrt: ohne die unterstützende Agitation durch die Gewerkschaft, war der Wahlsieg der SWAPO nicht gesichert, da deren Führungskader wegen ihrer Abwesenheit im Exil vielen Wahlberechtigten gar nicht bekannt waren. Die Bindung an die politische Partei band die Gewerkschaft also mit eisernen Fesseln an deren politisches Programm, wie im Gegenzug die Partei nur heimisch werden konnte, wenn sie bekannte Gewerkschaftsaktivisten in politisch relevante Positionen aufsteigen ließ.
Die höchst problematischen Konsequenzen einer solchen Konstellation beschreibt Jauch, nicht zuletzt vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen, eindringlich. War die SWAPO einst pro-sozialistisch orientiert (weil auch ihre wichtigsten Unterstützer des Unabhängigkeitskampfes aus dem sowjetischen Lager kamen) so änderte sich alles mit der Erlangung der Unabhängigkeit und dem Aufstieg der SWAPO zur Regierungspartei. Dieser fiel – ironischerweise – mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Ostblocks und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion zusammen. Sozialistische Ideen wurden quasi über Nacht innerhalb der SWAPO ersetzt durch die Orientierung auf den „Washington Consensus“ – eine durch und durch neoliberale Wirtschaftspolitik (wie sie übrigens auch in Südafrika nach den Wahlen von 1994 Einzug hielt). Und die Gewerkschaften – orientierten sich gleichfalls um, und zwar ohne, dass es zu größeren Protesten gekommen wäre.
Das ist die eigentliche Enttäuschung für den Verfasser. Der umstandslose Paradigmenwechsel, mit dem alle früheren „Bekenntnisse“ quasi über Nacht über Bord geworfen wurden, um sich aalglatt einzufügen und zudem noch persönliche Karriereinteressen (weiter) zu verfolgen, was nicht zuletzt auch zu Spaltungen innerhalb NUWU in Bezug auf die Frage, wer dem scheidenden Gründervater der Nation – Sam Njuoma – nachfolgen soll und zu Jauchs Ausscheiden als Direktor bei LaRRI führte.
Im letzten Abschnitt des Buches stellt der Verfasser Überlegungen an, welche soziale Funktion zukünftig den Gewerkschaften in Namibias zukommt. Dabei spielen zwei Überlegungen die zentrale Rolle. Zum einen die Lösung der Gewerkschaften aus der irgendwie elitären Rolle, eine insgesamt kleine Schicht von formalen Lohnarbeitern zu vertreten, während immer mehr Arbeiter in prekäre Beschäftigungsverhältnisse gezwungen werden. Dass Jauch hierfür den Begriff „informelle“ Beschäftigung verwendet, ist allerding zweifach irreführend. Einmal meint er in Bezug auf die heutige Konstellation natürlich nicht die eingangs als „informelle – nichtkapitalistische – Subsistenzarbeit“ in den „Homelands“, zum anderen aber auch nicht eine „nichtformelle“ kleine Gruppe von Beschäftigten, sondern eine große Gruppe von prekär Beschäftigten. Damit sind – den Ausführungen im Buch folgend – die prekären Beschäftigungsverhältnisse heute längst die „Norm“, also formell. Denn was „formell“ ist, sollte sich an der Mehrheit der Beschäftigungsverhältnisse entscheiden.
Zum anderen geht es dem Verfasser um die Orientierung auf einen „Community Unionism“ versus „Business Unionism“. Statt sich auf die Belange einer Minderheit von formellen Lohnarbeitern (und Beitragszahlern) zu fixieren, schlägt Jauch eine Gewerkschaftsbewegung vor, die sich um die Belange aller Werktätigen bemüht – und die damit ein wichtiger Akteur nicht zur Besitzstandswahrung, sondern zum sozialen Wandel werden könnte.
Auch gerade die letzten Abschnitte des Buches zeigen mit aller Deutlichkeit, dass es Herbert Jauch eigentlich nie nur um die „Gewerkschaften an sich“ zu tun war. Er sieht in ihnen vielmehr einen unverzichtbaren Akteur, wenn es um den dringend notwendigen Übergang zu einer neuen innovativen, sozialgerechten und vor allem friedlichen Gesellschaftsform geht. Um das zu erreichen, kann allerdings auch nach 30 Jahren noch nicht Schluss sein…
Arndt Hopfmann
* * *
Zum Buch:
Herbert Jauch, Workers, Trade Unions and Politics in Namibia. A Long Journey of Resistance, Baseler Afrika Bibliographien, Basel 2026 (188 Seiten, ISBN 9783-906927-78-7, CHF 35,00)