
Die im angelsächsischen Raum weithin bekannte Journalistin, Moderatorin und Filmemacherin Zeinab Badawi ist gegenwärtig Präsidentin der SOAS University of London (School of Oriental and African Studies). Sie stammt aus dem nördlichen Sudan und ist Mitglied einer Vielzahl von international tätigen Institutionen (u.a. der International Crisis Group und des Afrobarometers); sie wurde zu dem mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Ihre bisher nur auf Englisch vorliegende Geschichte Afrikas ist ihr erstes Buch und eines der raren Bücher zur afrikanischen Geschichte, das von einer Afrikanerin geschrieben wurde.
Der Anspruch, dass eine ganzheitliche Geschichte Afrikas, die sich nicht als Spiegel westlicher „Entdeckungs“-Expeditionen oder kolonialistischer Eroberungen versteht, kann nach Ansicht der Autorin nur von Afrikanern selbst eingelöst werden, wie dies seit dem Beginn der 1960er Jahre im Rahmen des weithin unbekannt gebliebenen Projekts einer Allgemeinen Geschichte Afrikas (Project of a General History of Africa (GHA)) von afrikanischen Wissenschaftlern versucht wird. Zeinab Badawi sieht sich selbst in dieser Tradition und versucht mit ihrem Buch einen Beitrag zum GHA-Projekt zu leisten. [Das GHA-Projekt steht seit 1964 unter der Schirmherrschaft der UNESCO; im Rahmen der Forschungen haben ca. 550 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Beiträge geleistet, darunter Cheikh Anta Diop, Joseph Ki-Zerbo, Samir Amin, Immanuel Wallerstein, Walter Rodney, Wole Soyinka, und Ali Al’amin Mazrui. vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/General_History_of_Africa ]
Und in der Tat folgt ihre Darstellung nicht dem gängigen Muster einer Zweiteilung des Kontinents in das stark arabisch geprägte mediterrane Afrika im Norden und das sogenannte Subsaharische (Schwarz-)Afrika südlich des Sahel. Sie behandelt – nachdem die Ursprünge der Menschheit überhaupt im östlichen und südlichen Afrika verortet wurden – die islamischen Gesellschaften des Nordens und ihre Dynastien genauso wie die Königreiche und (Proto-)Staaten in Westafrika und die ostafrikanisch-arabischen Sklavenhalterkulturen sowie die Reiche Zentralafrikas. Dass sie dabei eigenartigerweise Madagaskar ganz „vergisst“ ist einer der wenigen Makel des Buches.
Die Schilderungen zu Herrschergeschlechtern, Königreichen, Königen und Königinnen erschließen in vielerlei Hinsicht unbekanntes Terrain für den „Rest der Welt“. In ihrer Detailverliebtheit und bei der Darstellung von (Herrschafts- )Strukturen folgt sie allerdings eher den klassischen Mustern. Auch die Benennungen von sozialen Positionen und Ämtern der jeweiligen Potentaten und sozialen Akteure folgen eher klassischen, westlichen Kategorien, so dass – mehr oder weniger ungewollt – der Eindruck entsteht, dass es sich um weitgehend ähnliche frühe Herrschaftsformen und gesellschaftlichen Funktionsweisen handelt, wie sie aus dem westlich-europäischen Mittelalter bekannt sind. Ähnliches kann auch über die beschriebenen Eigentumsformen gesagt werden. Auch hier entsteht – vermittelt über das Vokabular – der Eindruck von Ähnlichkeit, der allerdings z.B. in Bezug auf das Grundeigentum den historischen Realitäten nicht immer gerecht wird.
Ein Umstand, der zweifellos zur Detailfülle und zur Herausarbeitung neuer Sichten auf die Geschichte von Regionen und Epochen wesentlich beigetragen hat, ist die erstaunliche Vielzahl von Quellen, die die Autorin vor allem über Interviews mit lokalen Wissenschaftlern, Museumsmitarbeitern etc. erschlossen hat. Diese „Schätze“ sind genaustens dokumentiert und werden auch mithilfe eines Schlagwortindex den interessierten Lesern einfach zugänglich gemacht. Allerdings fehlt eine formale Bibliographie. Das ist eine echte Einschränkung für alle, die an einzelnen Themen und Fragen weiterarbeiten wollen.
Zeinab Badawi schließt ihr Buch mit einem Zitat von Wangari Maathai, in dem das Credo des Buches zusammengefasst seinen Ausdruck findet: »You cannot enslave a mind that knows itself, that understands itself, that values itself.« – in etwa: „Jemand, der sich selbst sowie seine eigene Geschichte kennt und seiner selbst bewusst ist, kann niemals versklavt werden.“
Alles in allem hat Zeinab Badawi ein außerordentlich interessantes und wichtiges Buch geschrieben, dem durchaus auch eine Übersetzung ins Deutsche zu wünschen ist.
Hinweis zum Buch:
Zeinab Badawi: An African History of Africa. From the Dawn of Humanity to Independence, Penguin Random House UK, London 2024, 532 S. (US-$ 10.99)
Daniel Fabian & Arndt Hopfmann