Jean Zielger, ein großer Kämpfer gegen die „kannibalische Weltordnung“, ist tot – ein Nachruf

Hans (später Jean) Ziegler wurde am 14. April 1934 in Thun in der deutschsprachigen Schweiz in eine „gutbürgerliche“ Familie geboren. Gerade zur rechten Zeit, um als junger Student der Rechtswissenschaften und der Soziologie Zeitzeuge jener großartigen Epoche zu werden, in der das klassische imperialistische Kolonialsystem zusammenbrach und eine Vielzahl neuer, nationalbefreiter Staaten in die internationale politische und wirtschaftliche Arena eintrat. Für viele dieser Länder führte der Weg aus dem Kolonialjoch allerdings rasch in eine neokoloniale Weltordnung ohne echte eigene Handlungsoptionen. Jetzt werden sie nicht nur von den ehemaligen Kolonialmetropolen, sondern auch von transnationalen Konzernen und internationalen Großbanken fremd bestimmt und ausgeplündert. Aber es gab Ausnahmen. Länder wie Kuba, Venezuela und Guinea-Bissau, Chile unter Präsident Allende u.a. versuchten, politische Alternativen zu verwirklichten. Gerade jene, die sich der neokolonialen Globalisierung widersetzten, imponierten dem jungen Jean Ziegler und bestimmten sein weiteres politisches Engagement – faktisch sein Lebenswerk.

Bezeichnend dafür ist jenes bemerkenswerte Ereignis, das von Wolf Wetzel (https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/jean-ziegler-90-jahre-und-die-kannibalische-weltordnung/ ) so beschrieben wird:

„Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Szene, die Jean Ziegler mehrfach beschrieb: Er war in Genf, als dort 1964 die erste UNCTAD-Weltzuckerkonferenz der UNO stattfand, bei der auch Che Guevara als kubanischer Industrieminister eine Rede hielt, einige Tage dessen Chauffeur. Dem revolutionären Kuba fehlte es an Botschaftspersonal und Dienstwagen. Ziegler meldete sich. Dass er genommen wurde, erklärt sich damit, dass er 1959, als er als Student der Soziologie auf dem Rückflug von New York nach Genf in Kuba Zwischenstation machte, Che Guevara schon einmal getroffen hatte.

Jetzt traf er Che Guevara, der inzwischen Industrieminister der Revolutionsregierung war, wieder und war von dieser Persönlichkeit, dem revolutionären Elan und dessen Aura völlig begeistert. Am Abend vor der Abreise der kubanischen Delegation, die im achten Stock des Genfer Intercontinental-Hotels unterbracht war, fasste Ziegler allen Mut zusammen und bat ihn, mit nach Kuba kommen zu dürfen. Da trat Che ans Fenster, von dem aus man das nächtliche, stark erleuchte Genf liegen sah und antwortete:

„Dein Platz ist hier. Hier ist das Gehirn des Monsters, hier musst du kämpfen.“

Ich kann sagen, dass er genau das getan hat, nicht als Lebensabschnittsepisode, sondern ein Leben lang. Das ist es, was diesen Menschen ausmacht.“

Jean Ziegler beim Signieren seines Buches „Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen“ im März 2015 zur Buchmesse in Leipzig (v.l.n.r. Dr. Jürgen Kunze, Prof. Albin Kress, Dr. Hans Wienhold, Prof. Klaus Ernst; Jean Zielger (sitzend), neben ihm der Moderator der Buchlesung Thomas Bille); foto privat

Jean Zielger war nicht nur publizistisch aktiv. Er war auch ein engagierter Hochschullehrer und Politiker – er lehrte an der Universität Genf und war Gastprofessor an der Sorbonne in Paris. Von 1967 bis 1983 und von 1987 bis 1999 war er Nationalrat der SP für den Kanton Genf. Zwischen 2000 und 2008 setzte sich Ziegler bei der UNO als Sonderberichterstatter mit Nachdruck für das Recht auf Nahrung für alle Menschen ein und war Mitglied der UNO-Task-Force für humanitäre Hilfe im Irak.

Der Maßstab für sein politisches Handeln war stets global. Seit dem Beginn seiner beruflichen Laufbahn war er eng mit dem afrikanischen Kontinent und vor allem auch mit dem Kongo verbunden. Dem kongolesischen Freiheitshelden und ersten Premierminister des Landes, Patrice Lumumba, widmete er ausführliche soziologische Studien. Sein einziger Roman „Das Gold von Maniema“ handelt von den Unabhängigkeitskämpfen im Kongo der 1960er-Jahre. Ziegler arbeitete 1961/62 als UN Experte in der Republik Kongo.

Engen Kontakte verbanden Jean Ziegler auch mit Afrikawissenschaftlern in (Ost)Deutschland. Und so verwundert es nicht, dass er an die Deutsch-Afrikanische Gesellschaft anlässlich der Wiedererrichtung des Lumumba-Denkmals am 15. Januar 2011 in Leipzig folgende Grußadresse sandte:

Der Mord an Patrice Lumumba trennt zwei Epochen der zeitgenössischen afrikanischen Geschichte: jene der Hoffnung und des siegerischen Kampfes für die nationale Befreiung und das Entstehen unabhängiger, vom Recht und der Sorge um die Wohlfahrt der Bürger bestimmten Staaten, von jener anderen – die wir heute erleben – der Unterdrückung, der Korruption, des Menschenverachtenden Ausbeutung durch die westlichen Konzerne und des gesellschaftlichen Zerfalls.

Patrice Lumumba war der erste Märtyrer in einer langen Reihe von Führern von Befreiungsbewegungen, die von den westlichen Geheimdiensten systematisch er-mordet wurden: Amilcar Cabral (1973), Thomas Sankara (1987), Barthélémy Bogan-da (1962), Ruben Umnoye (1963), Félix Moumier (1965), Mehdi Ben Barka (1965), u. a.

Die lebendige Erinnerung an den Kampf und das Werk von Patrice Lumumba, erster frei gewählter Premierminister der Republik Congo, ist der fruchtbare Boden auf dem die Blumen der Hoffnung sprießen.

Im “Canto general“ schreibt Pablo Neruda:

“Podrán cortar todas las flores,

Pero jamás detendrán la primavera.“

(“Sie [unsere Feinde] können alle Blumen abschneiden,

Aber nie werden sie den Frühling beherrschen.“)

In Solidarität und Freundschaft

Jean Ziegler

Nun ist Jean Zielger im Alter von 92 Jahren am 10. Juni 2026 in Genf verstorben. Ein großer Kämpfer gegen den entfesselten Kapitalismus und seine neokoloniale Globalisierung – gegen die kannibalische Weltordnung – ist von uns gegangen, Hunger, Not und Ungleichheit sind jedoch noch immer in der Welt. Sein Lebenswerk ist unvollendet.

Der Vorstand der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft

[Ein Interview mit Jean Ziegler, das im Mai 2025 aufgenommen wurde, findet sich unter: https://apolut.net/jean-ziegler-im-gespraech-mit-kayvan-soufi-siavash/]