Mädchen in Nordkamerun: Selbstbestimmung durch Bildung – Projektbericht 2025 – 2026

Das Projekt „Selbstbestimmung durch Bildung“ ist eine Kooperation zwischen der DAFRIG und dem kamerunischen Verein AAFMHL (Verein zur Unterstützung von Mädchen in den Dörfern M‘lai, Huva und Ldama). Wichtigstes Ziel ist die Ermöglichung von Schulbildung für Mädchen von der 1. Klasse bis zum Erlangen eines Berufes.

Der Verein AAFMHL wurde im Jahr 2011 gegründet, um die Unterstützung der Mädchenbildung in den genannten Dörfern im Mandaragebirge (Extremer Norden Kameruns) zu organisieren. Ihm gehören Lehrer, Eltern und AktivistInnen an. Er wählt die Stipendiatinnen aus und organisiert die Mittelverteilung. Das Projekt wird derzeit ausschließlich von der DAFRIG – durch Spenden akquiriert – gefördert. Der Verein legt daher der DAFRIG Rechenschaft über alle Ausgaben ab. Den vom Projekt Begünstigten werden die Schul- oder Studiengebühren bezahlt, sie erhalten die Lehrmittel (Bücher, Hefte, Schultaschen, Sportkleidung etc.) sowie einen Grundstock von Hygieneartikeln. Den Studentinnen an Hochschulen und Berufsausbildungsstätten wird bei Bedarf Unterkunft und Verpflegung sowie ein Laptop mit Internetanschluss zur Verfügung gestellt.

Die Kommunikation findet (per E-Mail und WhatsApp) zwischen dem Vereinsvorsitzenden der AAFMHL Daniel Paolai, Direktor der Schule von M’Lai, und der Sekretärin Ndawidam Paolai einerseits und der Projektverantwortlichen Prof. Godula Kosack und dem Projektmanager Moubarak Mohamed andererseits statt. Die folgenden Ausführungen basieren auf dem Jahresbericht der AAFMHL sowie auf den Kurzberichten der Stipendiatinnen (siehe Anhang).

Diese Frauen und Mädchen sind mutig! Jede von ihnen hat in ihrem Bericht von der großen Unsicherheit gesprochen, die durch die Bedrohung von Boko Haram die ganze Bevölkerung in Angst und Alarmbereitschaft versetzt. Boko Haram – der Begriff Boko kommt aus dem Haussa und bedeutet nicht-islamische oder westliche Erziehung, und Haram ist das arabische Wort für Verbotenes oder Sünde – kann also übersetzt werden mit „Westliche Erziehung ist Sünde“. Übereinstimmend wird die unsichere Lage in den Dörfern beklagt. Seit 2014 greift Boko Haram, die sich ursprünglich im Nachbarland Nigeria formiert hatte, die Bevölkerung in Nordkamerun an. Schien es zunächst, als wären die Bergbewohner durch die unwegsame Lage geschützt, so sind die Angriffe trotzdem immer näher gerückt. In immer kürzeren Abständen kommen jeweils drei Personen auf einem Mofa in die Dörfer, schießen wahllos auf im Feld arbeitende Frauen, Männer oder Kinder und werfen Brandsätze in die aus Lehm gebauten und mit Hirsestängeln gedeckten Gehöfte, die sofort wie Zunder brennen. Die lokale Gesundheitsstation, die während der Corona-Maßnahmen mit Mitteln der DAFRIG erweitert worden war, wurde zerstört und die dort arbeitenden Krankenpfleger ermordet. Auch die Berufsfachschule für Mädchen in Guzda, die u.a. von Stipendiatinnen des Projekts besucht worden war, ist verlassen und verfällt.

Im vergangenen Schuljahr unterstützte der Verein den Schulbesuch von

13 Schülerinnen an der Grundschule, (davon 9 neue Schülerinnen),

18 Schülerinnen an der technischen Oberschule CETIC, (davon 5 im ersten, 7 im zweiten, 3 im dritten und 2 im vierten Jahr)

15 Gymnasiastinnen an den allgemeinbildenden Gymnasien von Gouzda, Mokolo und Mokola,

4 Studentinnen

Insgesamt sind das 50 Stipendiatinnen.

Ferner wurden 6 Paten, für die einzelne Personen direkt spenden, unterstützt.

Im neuen Schuljahr werden

8 Grundschülerinnen

14 Gymnasiastinnen

20 Schülerinnen an der technischen Oberschule

4 Studentinnen

Insgesamt also 48 Stipendiatinnen, gefördert.

Bei den Hochschulstudentinnen handelt es sich um:

REBECCA KALOUASSA – sie besucht das zweite Jahr die Pädagogische Hochschule für den allgemeinen Bildungsbereich in Mokolo. Am Ende des Jahres wird sie befähigt sein, an einer Vorschule oder Grundschule zu unterrichten. Doch will sie noch anschließend einen Bachelor-Studiengang in Naturwissenschaften absolvieren.

KOUDOF TOUVOUWA hat ihren Fachhochschulabschluss für Techniker bestanden und wird in diesem Jahr ihr Studium mit einem Bachelor fortsetzen, womit ihre Ausbildung abgeschlossen sein wird.

TCHIVED PAULINE hat sich an der Pädagogischen Hochschule eingeschrieben.

Im vergangenen Schuljahr sind die schulischen Leistungen weniger gut ausgefallen als in den vorangegangenen Jahren. Der Hauptgrund dafür ist die zunehmende Unsicherheit in der Gegend. Da es immer häufigere und brutalere Überfälle durch Boko Haram gibt, verlässt, wer kann das angestammte Dorf und lässt sich in anderen Dörfern oder in den Städten nieder. Allerdings sind die meisten Menschen zum Überleben auf den Ertrag ihrer Felder angewiesen, so dass sie in der Nähe ihrer Häuser und den sie umgebenden Feldern bleiben und nachts in Verstecken hinter Felsen o.ä. übernachten. Morgens kehren sie dann wieder in ihre Häuser und auf die Felder zurück, um die Haus- und die Feldarbeit zu verrichten. Angst ist allgegenwärtig.

Was das für die Schülerinnen bedeutet, schildern sie in ihren persönlichen Berichten, aus denen in einem beigefügten Anhang zitiert wird.

Schule von M’lay (Foto Godula Kosack)

In den drei Projektdörfern M’lay, Houva und Ldama sowie in vielen anderen Orten bleibt nachts niemand mehr zu Hause. Viele Leute haben das Weite in anderen Landesteilen gesucht. Einige Schülerinnen haben deshalb ihre Schulausbildung nicht abgeschlossen, andere haben an andere Schulen gewechselt. Sechs Stipendiatinnen wurden in der Kreisstadt Mokolo untergebracht, was die Kosten für die Ausbildung erhöht.

Um von dort zum zweisprachigen Gymnasium von Mokola zu gelangen, haben die Mädchen einen Schulweg von 7 km, den sie in Kauf nehmen, um nachts in Sicherheit zu schlafen.

Die zwei Mädchen der Abschlussklasse sind erneut beim Abitur durchgefallen. Das darf nicht verwundern. In ganz Kamerun lag die Erfolgsquote lediglich bei 42, im Extrême-Nord sogar nur bei 28 Prozent. Die in den Dörfern verbleibenden Mädchen müssen auf Grund der Nächte im Freien häufigem Unterrichtsausfall kompensieren.

Es gibt dennoch eine erfreuliche Erfolgsquote an den Schulen. Die mittlere Reife haben von fünf Kandidatinnen drei bestanden.

Den Abschluss an der technischen Oberschule und den Berufsbefähigungsnachweis hat eine von zwei Kandidatinnen erfolgreich abgelegt. Diese wird fortan die 10. Klasse am Technischen Gymnasium von Mokolo besuchen. In der 5. Klasse der Grundschule haben alle vier Mädchen die Aufnahmeprüfung für die technische Oberschule bestanden. In den Zwischenklassen sowohl in der Grundschule als auch in der Sekundarstufe wurden alle vom Verein unterstützten Mädchen versetzt.

Drei Stipendiatinnen haben im vergangenen Schuljahr die Schule abgebrochen, weil sie nun anderswo leben. Als Grund gaben sie die große Unsicherheit in den Dörfern an. Es handelt sich um eine Schülerin in der 10. Klasse an der technischen Oberschule in Koza, eine in der 11. Klasse A4 (Deutsch) am Gymnasium in Gouzda und eine in der 9. Klasse am Gymnasium in Gouzda.

Dieses Schuljahr wird weiterhin sehr schwierig werden, da nicht zu erwarten ist, dass sich die Unsicherheit wesentlich verringert, und dass trotz der Anwesenheit von Sicherheitskräften, deren Anzahl jedoch völlig unzureichend ist.

Inzwischen leben alle Mädchen verstreut: Manche wohnen in Mokolo, andere in benachbarten Dörfern, eine ist bei ihrem älteren Bruder ganz im Norden untergekommen. Eine Schülerin wird im Umland von Maroua weiterhin die Schule besuchen.

Ich zitiere aus dem Jahresbericht des Projektkoordinators Daniel Paolai: „Wir sind tagsüber von Dorf zu Dorf gegangen, um uns zu erkundigen, wo die Mädchen jetzt wohnen und ob sie weiterhin zur Schule gehen werden. Die Eltern haben uns zugesagt, dass dies der Fall ist. Wir konnten noch keine Generalversammlung abhalten…“

In einer Zeit, in der der radikale Islamismus sich ausbreitet, setzen die Stipendiatinnen und natürlich auch unsere ProjektpartnerInnen in Nordkamerun ein Zeichen, indem sie Bildung als Weg zur Selbstbestimmung – und das für Frauen! – anstreben. Wir unterstützen damit nicht nur die einzelnen Stipendiatinnen, sondern das Projekt hat auch eine politische Komponente, die auch für uns hier von Bedeutung ist.

Unterstützen wir die Mädchen und Frauen, die in Nordkamerun einen schweren Überlebenskampf führen. Sie werden – wie sie selber hervorheben – zur weiblichen Elite in dieser streng patriarchalen Umgebung. Sie sind Kämpferinnen für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung!

Leipzig, im Oktober 2026

Prof. Dr. Godula Kosack

Soziologin/Ethnologin
Projektleiterin, DAFRIG

(Vorstellung erfolgreicher Absolventinnen und Berichte der Schülerinnen)